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Herr & Hund: Kurzgeschichte


HERR & HUND
Kurzgeschichte von Olaf Kohlmann

Herr K.stand am Briefkasten und angelte schweigend die Morgenzeitung aus dem Schlitz. Mit einem Seufzer warf er einen kurzen Blick auf die Schlagzeile, die besagte, daß sich die durchschnittliche Lebensdauer von Foxterriern in den letztenJahren beinahe verdoppelt hatte. Herr K. war in großer Versuchung, wenigstens den Anfang des Artikels zu lesen, doch er ließ sich nicht beirren und ging ohne Umschweife ins Haus zurück. Als er dasWohnzimmer betrat, sah er seinen Hund, einen Bernhardiner, gemütlich vor dem Kamin liegen. Sachte legte er ihm die Zeitung vor die Schnauze und der Hund grunzte dankend, ehe er mit großem Eifer damit begann, die Morgenpost in ihre Einzelteile zu zerlegen. Herr K. sah ihm dabei, einen Hauch Eifersucht im Blick, zu. Am liebsten, das war unschwer zu erkennen, hätte er sich eine oder zwei Seiten herausgegriffen, um einige Artikel darin zu lesen, aber natürlich wollte er sich auch nicht lächerlich machen. Er hatte ohnehin ein bißchen das Gefühl, der Hund könnte ihn für schwachsinnig halten. Es war ein ausgesprochen sonniger Sommermorgen. Herr K. sah auf die Uhr und stellte fest, daß er noch ein Viertelstündchen Zeit hatte, bevor er sich auf den Weg in die Fabrik machen musste, und in dieser Zeit, in der er, wie jeden Morgen, ein hartgekochtes Ei, zwei labberige Toast und einen halbwarmen Kaffe verschlang, sinnierte er über sein Leben und wie sehr es sich in den letzten zehn Jahren verändert hatte.

Seit beinahe drei Jahren arbeitete er nun in der Hundefutterfabrik am anderen Ende des Stadtviertels. Es war eine große Industrieanlage, in der täglich ungefähr die dreifache Menge an Hundefutter produziert wurde, die nötig gewesen wäre, um sämtliche Hunde auf dem Kontinent zu ernähren. Es war ein Ort des Überflusses, der im ganzen Land seinesgleichen suchte. Im Grunde eine Schande, dachte Herr K., Menschenaffen in aller Welt starben täglich, weil ihnen buchstäblich die letzte Reisschüssel aus den Fingern gerissen wurde. Und alles nur, damit ein paar Tausend größenwahnsinnige Hundesöhne in Saus und Braus leben konnten. Was ist bloß aus unserer Spezies geworden? dachte Herr K., während sein Hund friedlich am Kamin saß und schmatzend die Zeitung zerpflückte.

Es hatte alles vor einigen Jahrzehnten damit begonnen, daß Wissenschaftler, die verzweifelt darum bemüht waren, Ergebnisse, welcher Art auch immer, zu veröffentlichen, ein Mittel gefunden hatten, das Hunden beinahe primatenähnliche Intelligenz verlieh. Im Zuge dessen waren etliche Versuche unternommen worden, bei denen ein paar ultraflache Dackel dem Tierversuchslabor entkommen waren, und die Zahl derer hatte sich dann innerhalb weniger Monate so weit vermehrt, da§ eine landesweite Revolte angezettelt wurde. Dies war zum Teil darauf zurückzuführen, daß es ausgerechnet Dackel waren, Hunde also, die ohnehin clever und ideenreich waren, und die naturgemäß auch den notwendigen Tatendrang verspürten. Zum anderen aber - und dies ist des Pudels Kern - darauf, daß die Leute dieser Dekadenzdekade so gelangweilt und mit Informationen überflutetwaren, daß sie entweder die Berichte nicht glaubten,die in den Nachrichten dieser Tage gesendet wurden, oder einfach sogleichgültig geworden waren, da es ihnen völlig egal war. Über diese Theorien, so wusste Herr K., stritten sich die gelehrten Köpfe noch heute. So hatten die Hunde denn das Land im Handstreich genommen, und die Revolte, die mit kleinen, flachen Dackeln begonnen hatte, war schnell von Terriern, Spanieln und Pekinesen aufgegriffen worden, so daß sich die Machtverhältnisse bald so sehr verändert hatten, daß es wenig später die Hunde waren, die Gesetze erließen und sich Mensch und Erde Untertan machten.

Seitdem hatte sich beinahe die gesamte Kulturlandschaft verändert. Im Fernsehen waren auf allen Kanälen Hundefilme zu sehen, und - was das schlimmste war - in einer hundsmiserablen Qualität. Auf Handlungwurde in den meisten Fällen völlig verzichtet. Üblicherweise ging es um einen faulen Kster,der irgendwo in einem großen Haus lebt und den Großteil seiner Freizeit damit verbringt, Pantoffeln und Zeitungen zu zerfetzen, Hundefutter bis zum Platzen zu verdrücken und ab und zu eine Stunde lang einen Knochen aus und wieder einzubuddeln. Der eigentliche Witz dabei war, daß es inzwischen kein einziger Hund mehr nötig hatte, sich mit ordinären Knochen abzugeben. Es war eine reine Frage von Massennostalgie, da man in jeder Nachmittagssendung derartige Szenen zu sehen bekam. Wenn es irgendwo im Lande noch Hunde gab,die überhaupt noch einen Knochen besaßen, mußte es sich um reine Fetischisten handeln. Herr K. hatte des öfteren verständliche Mühe, der Handlung zu folgen. Und das nicht nur, weil er die Sprache nicht verstand oder sich beleidigt fühlte. Ab und zu tauchte nämlich auch ein Mensch auf der Bildfläche auf. Meistens dann, wenn es darum ging, dem Hund und Herrn sein Futter zu bringen. Man hatte nicht selten den Eindruck, daß sich die verantwortlichen Himmelhunde über die Menschheit lustig machten. Herr K. fand, daß Hunde im allgemeinen eine seltsame Vorstellung von Moral hatten. Das äußerte sich nicht bloß im Hinblick auf ihre menschlichen Diener, sondern auch im Verhalten untereinander. Oder was sollte man davon halten, daß eine frischgebackene Hundemutter unter Strafandrohung gezwungen war, so lange zuhause zu bleiben, bis die Welpen ihre Zitzen zu ignorieren begannen. Das Zerfleischen fremder Hundesöhne auf der anderen Seite, stellte kein grösseres Delikt dar, selbst in aller Öffentlichkeit. Mal ganz abgesehen von den herrschenden strengen Gesetzen ,daß sich Hunde verschiedener Rassen auf keinen Fall paaren durften, tatsächlich aber Tausende Promenadenmischungen durch die föhnwarmen Sommerstraßen liefen.

Die Uhr tickte langsam aber beharrlich. Herr K. stellte mit einem raschen Blick auf dieselbe fest, daß ihm gerade noch fünf Minuten blieben, ehe er das Haus würde verlassen müssen. Brauchst Du noch irgendetwas? fragte er seinen Hund. Dieser grunzte nur zufrieden, und Herr K. war beruhigt. Er machte ein zufriedenesGesicht, wahrscheinlich deshalb, weil ihm in diesem Augenblick bewußt wurde, wie dankbar und glücklich er sein konnte,einen Platz im Hause dieses herzensguten Bernhardiners gefunden zu haben. Der Hund behandelte ihn stets zuvorkommend, es gab weder Katzen noch Kodiakbären, gegen die Herr K. allergisch war, und außerdem stand es ihm in seiner Freizeit frei, jederzeit das Haus zu verlassen, wenn ihm danach war. Er war nicht sterilisiert und durfte sogar seinen Haarschnitt selbst bestimmen. Eine Freiheit, die in Zeiten wie diesen keinesfalls als Selbstverständlichkeit bezeichnet werden konnte. Selbst das Essen, sechsmal in der Woche Bohnen und einmal frischer Schafskäse, - abgesehen vom Frühstck - war keineswegs übel. Herr K. hatte da Geschichten gehsrt, wie es in anderen Häusern zuging, und diese konnten einem die Haare zu Berge stehen lassen. Sofern man Haare trug, die dazu lang genug waren.

Als Herr K. wenige Minuten später vergnügt das Haus verließ, war es bereits ziemlich heiß geworden, selbst für diese Jahreszeit. Es war klar, daß er im Innern der Fabrik frieren würde, wenn man nicht gerade einen extrem warmen Winterpullover trug. Es war schon seltsam, wenn man darüber nachdachte. Bei der Arbeit mußte man wärmendeKleidung tragen, und wenn man dann nach Feierabend dieTür nach draußen öffnete, schwitzte man selbst inT-Shirt und kurzer Hose noch die Hälfte aller Körperflüssigkeiten aus. Man hätte sich beinahe schon wieder auf den Winter freuen können, wenn dieVerhältnisse wieder umgekehrt sein würden. Es waren schon verrückte Zustände, fand Herr K., und diejenigen, die Schuld daran trugen, waren die Schweinehunde, die in der Chefetage das Sagen hatten.

Als er auf der Straße stand und sich umsah, dachte Herr K., was er jeden Morgen dachte, wenn er zur Arbeit ging. Die meisten Hunde, die sich auf den Straßen blicken ließen, waren ziemlich in die Breite gegangen. Kein Wunder, wenn man sich vorstellte, da§ sie so bequem geworden waren, da§ sie sich praktisch nicht mehr bewegten. Die Zeiten, in denen der flinke Waldi brav ein Stöckchen apportiert hatte, gehörten definitiv der Vergangenheit an. Heutzutage wurden selbst mehrfache Promenadenmischungen von ihren Menschen auf seltsamen, kleinen Tretfahrzeugen an jeden Ort gefahren, von dem sie nur träumen konnten. Selbst das Knochenausbuddeln, vor Jahren noch eifrig betriebene Freizeitbeschäftigung im eigenen Garten, fand nicht mehr zuhause statt, sondern mußte möglichst am anderen Ende der Stadt geschehen. Herr K. konnte sich nicht erinnern, mit wievielen Bekannten er über dieses Thema schon philosophiert hatte, ohne daß ihm jemand auch nur ansatzweise hätte erklären können, warum.

Als Herr K. auf halbem Weg an eine Kreuzung kam, mußte er feststellen, da§ es zum Menschenauflauf gekommen war. Die Leute, die herumstanden, waren furchtbar aufgeregt, und als Herr K. näherkam, sah er, daß eine junge Hündin verletzt auf der Stra§e lag. Schußwunde, Blutlachen, Speichel. Es roch verdächtig nach einem Attentat. Was das bedeutete, wußte Herr K. nur allzu gut, denn er hatte es mehrfach erlebt. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, daß man sich nirgends in der Stadt mehr hätte frei bewegen können und daß an jeder Straßenecke Polizeihunde patrouillierten. Die Ordnungsfanatiker würden in einer Mischung aus Blutrausch und Orgasmus schwelgen. Verdammt, dachte er. Warum mußten sich diese Vandalen auch ausgerechnet an einer Hündin vergreifen?

Es war nun einmal so, daß es in einer Gesellschaft wie dieser auch für Menschen strenge Regelngeben mußte. Die Mehrheit versucht schließlich immer den Status Quo zu bewahren, koste es was es wolle. So durften Menschen weder rauchen, wenn und was sie wollten, noch durften sie sich unbekleidet vor irgendwelchen Mitgliedern der hundlichen Rasse zeigen, selbst wenn diese nichts dagegen einzuwenden hatten. Ebenso durfte ein Mensch kein Fett in derNahrung zu sich nehmen, wohl aber Zucker im Industriemaßstab, und selbstverständlich durfte er auch kein negatives Wort über Hunde - egal welcher Rasse und Couleur - verlieren. Ein Kuriosum, das in diesem Zusammenhang erwähnt werden muß, stellte ein Gesetz dar, demzufolge es nicht erlaubt war, sich ohne Begleitung eines Hundes - egal welcher Rasse - in freier Natur aufzuhalten. Herr K. wußte, daß dieser Paragraph darauf zurückzuführen war, daß eine Handvoll übler Outlaws vor einigen Jahren aus reiner Mutwilligkeit eine Schule von fünfzig blutjungen Eichen gefällt hatte. Die Katastrophe war perfekt gewesen, als eine kleine Gruppe vornehmer Afghanen minutenlang keine Gelegenheit zum Pinkeln gefunden hatte. Man konnte sich vorstellen, welchen Eindruck ein Vorfall wie dieser auf Volksseele und Boulevardpresse haben mußte. Laut Gesetz war es im Prinzip auch verboten, einen anderen Menschen zu töten, aber dieser Zusatz eines Paragraphenunterpunktes wurde schon in den Anfangsjahren der Hunderegierung ausgesprochen lax gehandhabt. Herr K. erinnerte sich deutlich an den Fall eines Herrn in der Nachbarschaft, der seine Frau bei einem Katzenkonzert erwürgt hatte. Soviel er wußte, hatte die - etwas lächerliche - Bestrafung darin bestanden, daß besagter Herr zwei Nachmittage lang Fernsehverbot aufgebrummt bekommen hatte. Der Täter hatte das auf einer Arschbacke abgesessen. Keine empfindliche Strafe, fand Herr K. in Anbetracht des Programmes: zwei Seehunde, die einen vergessenen Knochen ausbuddeln.

Als Herr K. die Fabrik betrat, war die Luft erfüllt von einer stickigen Emsigkeit. Es brauchte keinen Meisterdetektiv, um Verdacht zu schöpfen. Sobald er an seiner Maschine stand, flüsterte er seinem Kollegen im Schutze des dezibelgewaltigen Zerkleinerungsgerätes ins Ohr, daß es ein Attentat gegeben hatte. Das ist noch gar nichts im Vergleich zur Neuigkeit des Tages, bemerkte der Kollege. Und, etwas deutlicher werdend, fügte er hinzu: Zabel hat seinem Hund heut morgen die Zeitung geklaut und da ist ein großer Artikel drin über ein neu entdecktes Intelligenzkräutlein, das sie unter Verschluß halten wollten. Irgendwo bei Stuttgart ist es jedoch einer kleinen, grünen Truppe offensichtlich gelungen, ein paar Hektar von dem Zeug heimlich anzupflanzen. In Baden Württemberg, so fuhr er lächelnd fort, ist die Revolution schon eifrig im Gange.


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